Mittwoch, 7. März 2012

Ein eigenartiger Code, Teil 3

Wie wir in den vorhergehenden Ausführungen festgestellt haben, ist (fast) jedes Eichhorn-Instrument mit einer zwei- bis dreistelligen Signatur versehen. Wie in Teil 1 angedeutet, lassen sich aus der Signatur ableiten, wer das Instrument in der Eichhorn-Manufaktur gestimmt hat (siehe Teil 2), in welchem Jahr das Instrument gebaut wurde und wer der Erstkäufer des Instruments war.

Die Signaturen bestehen typischerweise von links nach rechts aus

  • einer arabischen Zahl, z.B. 69.
  • einem lateinischen Kleinbuchstaben, z.B. n.
  • bei älteren Instrumenten (vor ca. 1950) einer römischen Ziffer, z.B. III
Abb.1: Signatur 69.n.

Abb. 2: Instrument Eichhorn, Tonart A-D, 3-chörig, 18 Bässe, 10 Kreuztöne mit der Signatur 69.n.

Die Angaben sind wie folgt zu lesen
  • Die arabische Zahl 69 bedeutet, dass es sich um das 69. Instrument aus einer Serie von 100 Instrumenten handelt.
  • Der lateinische Kleinbuchstabe gibt die Serienbezeichnung an. In diesem Fall handelt es sich um die Serie mit der Bezeichung n. 
  • Eine römische Ziffer fehlt bei diesem Instrument neueren Datums.
Die Signaturen wurden nach folgendem Prinzip angebracht: In der Manufaktur wurden die neu hergestellten Instrumente unterschiedlichen Typs in der Stimmstube fortlaufend von 1 bis 100 nummeriert. Eine Gruppe von 100 Instrumenten bildete eine Serie, in diesem Fall die Serie n. Wurde die Ziffer 100 erreicht, dann wurde auch die Serienbezeichnung nach dem Alphabet fortlaufend gewechselt. Also nach dem Instrument 100.n. wurde das nächste Instrument mit der Signatur 1.o. versehen.

Wie bereits in Teil 2 erläutert wurde, ist es möglich, anhand des Schriftbildes den Urheber der Signatur zu bestimmen. In diesem Fall war es Alois Eichhorn. Damit ist eine grobe Datierung möglich, da Alois Eichhorn (1924-2005) Instrumente ab 1945 bis 2005 signiert hat. Das Instrument wurde demnach in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hergestellt.

In der Stimmstube wurde über jedes hergestellte Instrument genau Buch geführt. Die Bezeichnungen der Instrumente sowie der Instrumententyp wurden in Kalendern festgehalten. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die Kalender eigentlich nichts über das effektive Produktionsdatum aussagen, da die Kalender einfach anstelle von einem Notizbuch verwendet wurden. So finden sich z.B. im Kalender von 1966 die Angaben zu den Instrumenten, die im Zeitraum Ende 1966 bis Mitte 1972 hergestellt wurden.

Abb. 3: Umschlag des Kalenders 1966

Abb. 4: Kalender 1966, Woche 21. Eingetragen ist rechts der Jahreswechsel 1967-1968. Zudem erkennen wir in der ersten Zeile, dass zu dieser Zeit die Instrumente der Serie n. hergestellt wurden. Das erste Instrument, im Jahre 1968 wurde mit der Signatur 34.n. versehen.

Abb. 5: Drei Seiten später ist die Signatur unseres Instrumentes 69.n. aufgeführt. Die Bezeichnung 18/3/4 a/d bedeutet, dass die Orgel 18-bässig, 3-chörig, Bässe 4-fach in  der Tonart A-D ausgeführt ist. 
Damit kann gesagt werden, dass das Instrument mit der Signatur 69.n. in den ersten Monaten des Jahres 1968 hergestellt wurde.

Neben dem Eintrag in den Kalender wurde jedes Instrument mit seiner Signatur in einem Stammbuch eingetragen. Beim Verkauf des Instrumentes wurden das Verkaufsdatum, der Name des Käufers und ev. der Kaufpreis eingetragen.


Abb. 6: Umschlag des Stammbuches 1953-1984

Abb. 7: Stammbucheintrag für das Instrument 69.n. Die Orgel wurde am 5. März 1970 an das Musikhaus G. Steck-Strebel in Langnau verkauft. Der Verkaufspreis lag bei Fr. 1110.-. Die Orgel war im Katalog als Modell 102 aufgeführt und, wie wir bereits wissen, in der Tonart A-D.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Instrument mit der Signatur 69.n. in den ersten Monaten des Jahres 1968 gebaut und von Alois Eichhorn gestimmt wurde. Es wurde am 5. März 1970 an das Musikhaus Steck in Langnau verkauft.

Das Beispiel mit dem Instrument 69.n. wurde deshalb gewählt, weil in diesem Fall die ganze Linie - vom vorhandenen Instrument über den Kalendereintrag bis zum Stammbucheintrag - verfolgt werden kann und sich so das Prinzip des Codes, bzw. der Signatur vollständig darstellen lässt. In Teil 4 werde ich erläutern, warum dies zur Zeit in vielen Fällen noch nicht möglich ist.

Zum Abschluss dieses Teils ein weiteres Beispiel aus den Archiven für den Liebhaber

Abb. 8: Leo Schelbert (z Tönis Leo, 1905-1966), bedeutender Akkordeonist und einer der zahlreichen Muotathaler Komponisten.

Abb. 9: Kalender 1960 mit Eintragungen zu den Instrumenten mit Baujahr Ende 1960 bis 1965. Das Bildmotiv ist nicht ganz zufällig, da die Eichhorns grosse Autoliebhaber waren.

Abb 10: Das Kalenderblatt zeigt den Wechsel der Signatur von 100.b. auf 1.c. (auf Höhe 17. Februar). 

Abb. 11: Der erste Eintrag oben links bezeichnet das Instrument 22.c. Es handelt sich um eine chromatische Orgel mit 123 Bässen, 4-chörig, Bässe 2-fach, Schwyzerton mit dem Vermerk Leo Schelbert. Das Instrument wurde demnach zu Beginn des Jahres 1961 signiert.

Abb. 12: Eintrag im Stammbuch 1953-1984. Links sind die Instrumentennummern zu erkennen, in der ersten Zeile die Serienbezeichnung c. Unter 22. ist festgehalten, dass Leo Schelbert das Instrument 1961 gekauft hat, ein genaues Verkaufsdatum und der Kaufpreis sind nicht angegeben.




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