Montag, 28. November 2011

Stimmplatten der Gebr. Dix, Gera

Die Stimmplatten dienen der Tonerzeugung und können als das Herz der Handharmonika bezeichnet werden (siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Durchschlagende_Zunge).

Beim Bau der Schwyzer Handharmonika kamen und kommen unterschiedliche Fabrikate von Stimmplatten zum Einsatz. Bei den Eichhorn-Instrumenten bis in die 1950er-Jahre sind es vor allem die Marken Sonntag (Stern-Prägung, eher in frühen Instrumenten bis 1915), Meinel (M-Prägung, in den Halbwiener-Orgeln), Thorens (Th Switzerland-Prägung, in den Halbwiener-Orgeln) und Dix (Ring-Prägung, in allen Instrumenten-Gattungen). Die Dix-Stimmen gelten unter Fachleuten als qualitativ besonders hochwertig.

Stimmplatten der Fa. Sonntag (Ort unbekannt). Plattenträger Zink, Stimmzunge Stahl
Stimmplatte der Fa. Meinel, Klingenthal (Sachsen). Plattenträger Zink, Stimmzunge Stahl

Stimmplatte der Fa. Thorens,  Sainte-Croix (Schweiz), Plattenträger Aluminium, Stimmzunge Stahl
Gegründet wurde die Stimmplattenfabrik 1887 von den Brüdern Hermann und Walter Dix. Kurze Zeit danach kauften die Brüder in Gera-Untermhaus ein Fabrikgebäude und begannen dort mit der Fertigung von Stimmplatten.

Hermann Dix starb im Jahr 1893, sein Bruder Walter war somit der Alleininhaber der Firma. In den ersten Jahren wurden Stimmplatten für Harmonikas und Harmoniums gefertigt. Noch vor dem ersten Weltkrieg übernahmen die Söhne von Walter Dix (Alfred und Walter junior) das Unternehmen. Der Firmenname "Gebrüder Dix" wurde übernommen. Nach 1920 stieg der Bedarf an Akkordeons und Handharmonikas an. Firmen in und um Klingenthal aber auch im Thüringer Raum entwickelten sich zu florierenden Unternehmen. Um den grossen Bedarf an Stimmplatten gerecht zu werden, vergrösserte die Fa. Gebr. Dix die Produktion. 1923 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, die Fa. Gebr. Dix AG/Gera. Sie beschäftigte damals 300 Mitarbeiter. Bis um 1939/40 stieg die Mitarbeiterzahl bis auf 450 Beschäftigte. Für die Herstellung von Stimmplatten ist ein erfahrenes und qualifiziertes Fachpersonal notwendig.

Hinweiszettel der Fa. Gebr. Dix AG, Gera für die Abwicklung von Bestellungen. Abgebildet ist das Fabrikareal in Gera.
Merkmale, die zum Erfolg der Dix-Stimmplatten führten, waren die Verfahren eines Spezial-Nass-Schleifens und der Anfang der 1930er-Jahre entwickelte und patentierte Dix-Längsschliff, des weiteren die Stimmplatten "Super Dix-Hand" für Solistenakkordeons.



Stimmplatte unbearbeitet (Rohling) der Fa. Dix, Rückseite. Plattenträger Zink,  Stimmzunge Stahl. Der Längschliff ist an der Stimmzunge rechts deutlich zu erkennen.

Gleiche Stimmplatte wie oben, Vorderseite mit der Ringprägung als Markenzeichen für die  Fa. Gebr. Dix.
Die Firma Gebr. Dix AG/Gera war bis zum 2. Weltkrieg der grösste Stimmplattenhersteller. Der Firmengeschäftsführer und Inhaber Alfred Dix starb 1941, in dieser Zeit war das Unternehmen bereits eine Kommanditgesellschaft. Über die Jahre bis Anfang 1950 ist von der Firma wenig bekannt. Der Betrieb soll bis ca. 1953 in Treuhandverwaltung gewesen sein.

Um 1954 wurde die Fa. Gebr. Dix in das "VEB Tonzungenwerk" Gera umgewandelt (VEB =  Volkseigener Betrieb, DDR) und am ersten Januar 1959 den VEB Klingenthaler Harmonikawerke als Werk IX angeschlossen. Der Betriebsteil Gera/Werk IX hatte damals etwa 200 Mitarbeiter.
Mit der Zusammenlegung bestimmter Industriezweige in der ehemaligen DDR, wurde die Musikinstrumentenherstellung im gesamten Umfang in Klingenthal und Markneukirchen konzentriert.
Das VEB Tonzungenwerk Betriebsteil Gera wurde 1963/64 aufgelöst und ein Teil des technischen Inventars, z.B. Nietmaschinen und halbfertige Stimmplatten den VEB Klingenthaler Harmonikawerke übergeben. Das VEB Kondensatorenwerk Gera übernahm damals die Produktionsgebäude und die Beschäftigten des ehemaligen VEB Tonzungenwerk Gera.

Die VEB Klingenthaler Harmonikawerke bauten damals ihre eigene Stimmplattenfertigung weiter aus. Auch die Klingenthaler Stimmplattenfirmen "Glier und Meichsner" wurden in den Grossbetrieb integriert. Die grosse Nachfrage an Akkordeons und Harmonikas vor allem für den Export, führte zu einem riesigen Bedarf an Stimmplatten. Nur durch eine Konzentration der Stimmplattenfertigung konnte ein hohes technisches Niveau bei der Herstellung erreicht werden.

Mit der politischen und wirtschaftlichen Wende in der DDR 1990/91, wurde das VEB Kondensatorenwerk Gera geschlossen. Für kurze Zeit wurde das Betriebsgelände noch von anderen Firmen genutzt. Ab Mitte der 1990er-Jahre standen die Fabrikgebäude leer und waren in schlechtem Zustand. Inzwischen hat die Stadt Gera das Wohnhaus der Gebr. Dix und das ehemalige Fabrikgelände saniert.

[Dieser Text basiert auf einem Dokument des Handharmonikamuseums Zwota, zur Verfügung gestellt von Herrn Udo Schneeberg, Zwota]

Stimmsatz für eine 18-Bässige Schwyzer Handharmonika der Fa. Gebr. Dix.
Tonart B-Es,  Kammerton 870 Hz,  Bässe 4-/6-fach
Stimmsatz wie oben, Diskant/Melodie 3 chörig
Stimmplatten der Fa. Gebr. Dix, Variante Spezialprägung Eichhorn für die Fa. Eichhorn Schwyz

Stimmplatte der Fa. Gebr. Dix, Variante Plattenträger Messing, Stimmzunge Stahl

Stimmplatte der Fa. Gebr. Dix, Variante Plattenträger Zink, Stimmzunge Messing

Die Firma Harmonikas s.r.o. in Louny, Tschechien http://www.harmonikas.cz/ produziert heute Stimmplatten mit der Bezeichnung Dix. Sie soll einen Teil der Produktionsanlagen der Fa. Gebr. Dix/Gera erstanden haben. Bedauerlicherweise werden diese neuen Dix-Stimmen auch mit dem Dix-Ring markiert, womit es dem wenig erfahrenen Interessenten praktisch verunmöglicht wird, zwischen alten und neuen Dix-Stimmplatten zu unterscheiden.





1 Kommentar:

  1. Markus Brülisauer29. November 2011 um 19:23

    Vielen Dank für diese wertvollen Informationen. Nun weiss ich endlich die Geschichte der Firma Dix aus verlässlicher Quelle.

    Hast du Informationen zum heutzutage in Schwyzerorgeln verbauten Stimmenmaterial?

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